[de] Der No-TAV-Kampf im Susatal

Hintergrund

TAV steht auf italienisch für Treno ad Alta Velocitá (Hochgeschwindigkeitszug). Bei Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken geht es um eine Eisenbahn, die eine höhere Dauergeschwindigkeit als 200 km/h mit einer Spitzengeschwindigkeit von rund 300 km/h zulässt. In der Tat wäre es in diesem Fall passender, der Begriff ‚TAC‘ (Treno ad Alta Capacità, Zug hoher Kapazität) zu gebrauchen, weil das neueste Projekt der Turin-Lyon Strecke hauptsächlich zum Gütertransport gezielt ist. Trotzdem bleibt der Name ‚TAV‘.
Die 1991 geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon sollte neben der aktuellen transalpinen Strecke im Rahmen der Errichtung eines europäischen Hochgeschwindigskeitsbahnsystems laufen. Das Turin-Lyon TAV Projekt ist diesbezüglich ein Teil des EU-Projekts ‚TEN‘ (Transeuropäischen Netzes) das Europa von Lyon bis zur ukrainischen Grenze verbinden sollte. Es ist zwar keine Voraussetzung des TEN-Projekts, dass der Lyon-Turin-Anschluss hoher Geschwindigkeit ist, die italienischen und französischen Regierungen haben sich allerdings damit einverstanden erklärt, die neue Technik einzusetzen. Die Bauarbeiten sollten in der zweiten Hälfte der 90er starten, ab 2011 sind aber nur einige in Frankreich liegenden Seitenstrukturen fertiggestellt worden. Der heutigen Einschätzung zufolge ist die vollständige Errichtung der Strecke nicht vor 2030 zu erwarten.

Das Projekt besteht aus zwei Zwillingsröhren, beide 56 Kilometer lang und sechs Meter breit, die eine maximale Tiefe von 2000 Metern unter der Erde erreichen, mit zahlreichen weiteren kleineren Tunneln – alle länger als 10 Kilometer. Einer dieser Tunnel sollte unter Turin laufen. Ein paar Freiluftstrecken werden auch geplant. Die Strecke wird sich in demselben Gebiet als das Susatal befinden – das an der breitesten Stelle eine zwei Kilometer Breite hat – wodurch TGVs (französiche Hochgeschwindigkeitszüge) bereits fahren, indem sie ihre Schnelle reduzieren.
Die geschätzten Kosten der Strecke sind zurzeit 13 Milliarden Euro, anhand der schon fertiggestellten Konstruktionen dürften aber die Gesamtkosten ungefähr viermal so hoch wie vorhergesagt sein.

Pläne: Italien-Susatal, 2011TEN

Der Kampf

Etliche örtlichen Ausschüsse, annähernd einer für jede Stadt, organisieren und erhalten den Kampf aufrecht. Die Komitees beziehen normale Einwohner und einige lokalen Branchen nationaler Umweltschutzverbände ein. Manche linksgerichteten politischen Parteien und Gewerkschaften (unter welchen FIOM, CUBund COBAS) befürworten den Kampf, obgleich sie nicht ausdrücklich beteiligt sind.

Der erste Widerstand stammt aus der Gründung im Jahr 1991 eines Komitees namens Habitat. Das erste Projekt sollte Häuser in Condove und Caprie, zwei kleinen Städten im Tal mit einer Bevölkerung von etwa 6.000, abreißen. Unter den ersten Ausschussmitgliedern waren Experten des Transportsystems, und das Komitee erfassste technische Daten, die für die Zukunft des Kampfes entscheidend werden würden.
Der Kampf wuchs während der ersten Jahren langsam, es wurde aber darüber von den Mainstream-Medien am Anfang des neuen Jahrhunderts berichtet, als die Anzahl der an den Demonstrationen beteiligten Menschen 10.000 erreichte.

Oktober 2005 gelang es den Demonstranten, in Mompantero trotz erheblicher Polizeiintervention die Einrichtung drei Achszähler einen Tag lang zu verhindern. In den folgenden zwei Monaten wurde das Achszählergebiet mit drei Kontrollpünkten polizeilich besetzt. Manche Leute mussten ihre Ausweise zeigen, jedesmal, dass sie ihr Haus verlassen oder betreten wollten.
Am 30. November 2005 wurde der Erwerb Landstücke zum Bau eines Hilfstunnels in Venaus (in der Nähe von Mompantero) von mehr als 2.000 Menschen gestoppt. Dieses Erlebnis zwang die Regierung dazu, eine neue Diskussion über die Strecke zu eröffnen. Das hat zu einem neuen Projekt geführt, das etwas besser – aber eigentlich nicht so anders – als die alte Linie ist.

Mai 2011 gab die Regierung bekannt, dass sie die Baustelle der neuen Strecke in Chiomonte eröffnen würden, die No-TAV Bewegung verhinderte aber den ersten Versuch und bewachte einen Monat lang die Gegend, bis über 1.000 Polizisten am 27. Juni die Demonstranten mit CS-Tränengas hinausjagten (dessen Benutzung gemäß der Chemiewaffenkonvention, die Italien sowie die Mehrheit der anderen Nationen 1993 unterzeichnet hat, verboten ist). Am 3. Juli versuchte eine weitere Demonstration (mit zirka 40.000 Menschen), die Ereignisse in 2005 zu wiederholen, diesmal aber war die Reaktion der Polizeikräfter strenger, und der Versuch daher scheiterte.
Am Ende Sommer 2011 wurde das Gebiet von Polizei- und Streitkräften immer noch bewacht, hatten die Bauarbeiten noch nicht angefangen, und die Proteste dauerten auf verschiedenen Ebenen an, von ‚cacerolazos‘ bis zu friedlichem Betreten in die Sperrzone. Als die Protestierenden die Zäune annäherten, verwendete die Polizei mehrmals CS- Gas, um sie zurückzutreiben.
Im September 2011 wurden zwei Frauen unter dem Verdacht verhaftet, Aggression gegen einen Beamten gezeigt zu haben. Sie wurden in Untersuchungshaft gehalten.

Gründe gegen das TAV-Projekt

TAV ist unnötig:

– Das pro-TAV Lager meint, Italien wäre ohne die neue Turin-Lyon Strecke von dem übrigen Europa getrennt. In der Tat gibt es schon mehrere Anschlüsse zwischen Italien und Frankreich, und zwar: die Autostrada A32 (Autobahn A32), die von Turin bis zum Fréjus-Tunnel an der Grenze führt; die durch den Mont-Cenis-Tunnel laufende Bahnstrecke Turin-Modane; und zwei internationale Hauptstraßen.
– Die Befürworter reden von steigendem Verkehrsaufkommen auf den Strecken in der Gegend, die Daten in den letzten 20 Jahren zeigen aber eine bedeutende Stagnation, mit beispielsweise einem Rückgang seit 2008 sowohl der Reisenden als auch der Waren. Die oben genannte Bahnstrecke Turin-Modane läuft durch die Alpen mit weniger als der halben Leistung.

Untragbare Kosten:

– Laut der 2010 berechneten vorläufigen Schätzungen werden die Ausgaben bloß für das in Italien liegende Stück 14000 Millionen Euro erreichen (nach unabhängigen Berechnungen wird es viel mehr sein). Italien muss noch mehr Kredite bei Banken aufnehmen, jedoch ist die öffentliche Verschuldung bereits über 130% des BIP. Wegen dieser Staatsschuld kürzt die italienische Regierung in den letzten Monaten viele öffentliche Dienste.
-Keine der Auswertungen berechnet voraus, dass der Ertrag der neuen Strecke ausreichen wird, die Auslagen zu decken.

Umweltschäden

– Die Bauarbeiten zur Errichtung der Strecke werden 20 Jahr dauern, während welcher Zeit hunderte LKWs mit Aushubmaterial das Tal durchqueren und dadurch eine erhebliche Menge von CO2 sowie Feinstaub abgeben werden.
– Die Bauarbeiten werden sich wahrscheinlich auf die wasserführende Ebene auswirken. Das ist schon in Toskana geschehen, wo Aquäducte in sieben Dörfern aufgrund der TAV-Arbeiten versiegten.
– Es gibt viele Beweise dafür, dass das Gebirge, unter dem der Haupttunnel ausgehoben werden muss, Uran und Asbest enthält, und die von den TAV-Befürwortern geäußerten Zusicherungen über ihre Sicherheitsmaßnahmen sind vage und widersprüchlich.

Quellen

One Response to [de] Der No-TAV-Kampf im Susatal

  1. Pingback: [en][Translation] Appeal from the families of the four No-TAV demonstrators arrested for terrorism | Struggles in Italy

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